Die Geschichte von Harrison

Oder: Projekt Rehabilitation – was ist wirklich möglich? 

Begonnen hat alles vor etwa einem Jahr. Ich war bei Kunden, an dem Stall an welchem früher meine Pferde auch standen. Eine Kundin fragte mich: „Hey Sylvia, magst ein Pferd? Nur 2000 Euro!“ Sie meinte das natürlich Ernst, ich hab es als Spaß aufgenommen. Aber dann zeigte sie mir den Fuchs… Oh je. Ich dachte mir: „Was für eine Baustelle, das arme Tier“.

Sie erzählte mir das die Besitzerin ihn verkaufen möchte, er ist ihr einige Male im Gelände durchgegangen, die beiden kommen nicht miteinander klar. Die Kundin wollte das ich bitte „nur kurz einen Blick drauf werfe“, da er unterm Sattel „komisch läuft“. Ich hab mir das ganze also kurz angeschaut und erklärte ihr, das dieses Pferd so eigentlich nicht reitbar ist. Der braucht „runterholen“, Therapie, Wärme, ein Bewegungsprogramm, Hufschmied, Tierarzt, …

Für mich war das Thema damit erledigt. Bis auf das ich an dem Abend noch oft an „den armen Fuchs“ denken musste.

Dieser arme Fuchs, Namens Harrison, ging mir nicht  mehr aus dem Kopf. Er ähnelt sehr meinem damaligen Galopper, die gleiche arme Seele. Ich schrieb einer anderen Kundin von mir, welche auch an diesem Stall steht, ihr Pferd steht auf der selben Koppel wie Harrison, wie sie das Ganze denn sieht, ob sie mir mehr über Harrison sagen kann. Sie überlegte schon öfters ob sie ein 2. Pferd möchte, aber Harrison… Baustelle. Eigentlich weniger.

Viele Baustellen – Doch nicht unmöglich…

Von da an warf ich immer mal einen Blick auf Harrison, wenn ich am Stall war. Ich konnte immer nur wieder den Kopf schütteln. Die Hufe! Die waren ja die größte Katstrophe. Da dachte ich mir: Selbst wenn ich den anfange physiotherapeutisch zu behandeln, da erreiche ich ja nicht mal die Hälfte meines Ziels, wenn die Hufe nicht ein klein wenig besser werden….Und wer weiß ob das überhaupt wieder wird.  Und überhaupt, ich mir so eine Baustelle holen? Den ganzen Tag Pferde behandeln und dann in der Freizeit auch noch behandeln? Och, nö.

Hufe im Dezember 2016

Aber dieses nette Gesicht! Er hatte schon immer diesen … Blick. Ich schrieb also wieder meiner Kundin und wir überlegten uns, wie wir diesem Harrison helfen konnten.

Heraus kam folgender Plan, bzw. Deal an die Besitzerin:

Ich betreue ihn physiotherapeutisch und erstelle einen Bewegungs- und später auch Trainingsplan. Die Kundin übernimmt die Futterkosten sowie anfallende Tierarztkosten, die Besitzerin übernimmt die Boxenmiete und den Schmied teilen sie sich.Wir nehmen dabei die Besitzerin „unter unsere Fittiche“ und erhoffen uns, das sie wieder einen Draht zu ihm findet, er sich körperlich verbessern kann, sie ihn wieder reiten kann und er somit sein Zuhause behalten kann. Die Besitzerin willigte ein.

Projekt Harrison – Start am 21. April 2017

Somit startete mein Projekt Harrison am 21.04.2017. Ich wollte immer schon mal wissen, wie weit kann man kommen, wenn das Pferd so viel Physiotherapie wie wirklich nötig bekommt, PLUS die restlichen Rahmenbedingungen auch stimmen.

Das heißt: Die Haltung – Perfekt! Den ganzen Tag in einer kleinen Herde draußen (Heißt wirklich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang!).

Sehr große Weideflächen, genügend Unterstände, ständig frisches Wasser (Bach und Tränke), und reichlich Raufutter.

Kraftfutter: Hafer und Mineralfutter.

Eine kleine Halle für Bodenarbeit und longieren, ein Reitplatz der leider nur bedingt nutzbar ist, dafür tolles Gelände mit vielen Bergen und viel Wald.

Der physiotherapeutische Check-up

Los gings! Der physiotherapeutische Check-up gestaltete sich schwierig. Harrison war… nicht kooperativ. Er wollte eigentlich immer nur rückwärts, Panik in den Augen, angespannt, die Hinterhand war „sehr schnell“, also aufpassen… Kurz zuvor war noch der Tierarzt da um Blut abzunehmen, und beim Tierarzt machte Harrison erstmal dicht.

Nun ja, die Vordergliedmaße konnte ich nur sehr vorsichtig passiv bewegen, denn er konnte kaum sein Gleichgewicht halten, konnte nicht lange auf 3 Beinen stehen, die Muskulatur war überall fest.

Mit osteopathischen Techniken gelang es mir immer kurz ihn „runter zu holen“, aber das hielt nur ein paar Sekunden. Ich dachte mir nur: „Oh Gott. Das wäre NIE mein Pferd. Total „gaga“ im Schädel“.

Ich erstellte aufgrund der Befunde einen Bewegungsplan für die nächsten Wochen.

Reiten erstmal nicht. Dafür viel an der Hand ins Gelände, 2-3x die Woche Physiotherapie (wie soll ich das nur ganz alleine schaffen?), Arbeit an der Hand und an der Longe. Selbstverständlich alles und immer OHNE jegliche Foltermittel (Hilfszügel). Dazu gibt es mal einen eigenen Artikel.

Beim ersten Physiotermin lies er sich dann erstaunlich gut behandeln. Gott sei Dank. Wir teilten uns also alle zu dritt die Woche auf, die Besitzerin ging viel ins Gelände spazieren, ich übernahm die Therapie, wir coachten die Besitzerin auch im Umgang bei der Bodenarbeit.

Es gibt einen Bach neben dem Reitplatz, da können die Pferde direkt vom Reitplatz aus hinein gehen und sogar einige Meter „Wassertreten“. Aber Harrison natürlich nicht. Panik. Also nahm meine Kundin ihr Pferd, eine Schüssel Futter und schaffte mit ganz viel Geduld, und über mehrere Male, das Harrison tatsächlich rein ging! Die große Überraschung: Er fand es SO TOLL das er sich sogar ins Wasser hinein LEGTE! Ja, tatsächlich. Leider war ich nicht selbst dabei, aber die Bilder sprechen Bände.

 

Der Hufschmied meiner Kundin bekam die Hufe schon deutlich besser, und es gab auch schon Fortschritte bzgl. seiner körperlichen „Probleme“. So greift alles ineinander.

Doch trotzdem gab es Rückschläge. Eisen runter reißen war eine Spezialität von ihm. Dann riss er sich hinten ein Eisen so derbe ab, stieg mit der Sohle noch in den Aufzug, sodass er eine riesen Wunde hatte. Das war ein Drama. Er lies sich die Wunde nicht ordentlich sauber machen, trat gezielt nach den Menschen, es dauerte wohl einige Zeit bis ein Hufverband angelegt war. Ich war nicht dabei, aber meine Kundin trug einige tiefblaue-schwarze Flecken davon. Der Tierarzt kam hinzu, vorsichtshalber bekam er Medikamente.

Nach ca. 14 Tagen war das wieder gut verheilt und wir konnten wieder weiter machen.

Penatencreme als Kampf gegen die Kriebelmücken, nachdem nichts anderes geholfen hat…

Nach ca. 3 Monaten setzte ich die Besitzerin mal wieder für 5 Minuten im Schritt auf ihn. Zuvor war natürlich unser Sattler gekommen und überprüfte den Sattel.

So steigerten wir im minutentakt die Tragebelastung, und ich war doch erstaunt, wie brav er war. Er suchte die Anlehnung, er lies sich problemlos halten, wenden, alles kein Problem.

 

Dann gab es einen Zwischenfall mit der Besitzerin im Gelände (an der Hand), wobei er sich losriss und davon galoppierte. Gott sei dank konnte sie ihn wieder „einsammeln“…

Harrison stand zum Verkauf

Daraufhin gab es eine Krisensitzung und die Besitzerin entschloss sich, ihn hergeben zu wollen, da sie einfach keinen Draht mehr zu ihm findet, die Chemie stimmt einfach nicht und es ist schon zuviel passiert.

Wir inserierten ihn als bedingt reitbaren Beisteller, da wir nicht wollten das er schon wieder herumgereicht wird. Recherche hat ergeben, dass er ca. alle 2 Jahre einen Besitzerwechsel hatte, und zu dem Zeitpunkt war er 16. Das sagt eigentlich alles.

Aber irgendwie konnten wir „seinen“ Menschen nicht finden. Hinzu kam das es mir da schon einen Stich ins Herz gab, als sich ein Interessent meldete. Es hätte mir wahrscheinlich eh niemand Recht machen können. Allein schon diese Problematik mit den Hufen, kümmert sich der neue Besitzer wirklich ernst genug darum? Und überhaupt, wird er denn weiterhin Physiotherapie bekommen? Oh wei.

Nach einiger Zeit beschlossen wir also, das wir ihn wieder reitbar machen und im Frühjahr als Freizeitpferd inserieren.

Also dachte ich nicht lange nach und setzte mich selbst auf ihn. Tja, und das war Tag X an dem es dann sicher kein zurück mehr gab, emotional. Ich wusste jetzt: Ich kann ihn nicht hergeben – obwohl er ja gar nicht mir gehört.

Mit Harrison ins Gelände

Auch jetzt wieder steigerten wir langsam die Tragezeit, dann ging es auch schon das erste Mal ins Gelände. Ich war aber nicht komplett Lebensmüde, also hing ich noch einen Führstrick ein und gab den meiner Kundin, heute natürlich eine Freundin geworden, in die Hand und sagte: „Sichere mich bitte“. Sie lachte und sagte: „Der macht nix!“ Aber natürlich nahm sie den Strick.

Und was soll ich sagen,  natürlich war er brav.

Das ganze dann ein zweites Mal wiederholt, sogar unter erschwerten Bedingungen, es ging nämlich ziemlich stark der Wind. Aber: BRAV!

Dann war ich in der Tat etwas Lebensmüde und dachte mir eines Sonntag morgens: Was solls, passiert schon nix, ab alleine ins Gelände, nur eine kleine Runde.

Man darf gespannt sein… natürlich, brav.

 

Ich kann diese Verbindung nicht in Worte fassen, irgendwie Vertraue ich ihm einfach, und er scheinbar mir.

Egal ob wir über eine Plane latschen, Ausreiten, an der Hand spazieren gehen, am Platz Stangentraining machen, egal was – ich glaube immer an ihn. Und das war anfangs ganz und gar nicht der Fall.

Er hat sich in mein Herz geschlichen, ganz leise und unauffällig.

In der Zwischenzeit verletzte sich der Schmied meiner Kundin, da brach dann kurzfristig eine Welt zusammen, also in meinem Kopf. Und „zufällig“ bin ich auf einen jungen Schmied gestossen, dessen Bilder von seiner Arbeit mich absolut überzeugten. Zum Glück bekamen wir zeitnah einen Termin bei ihm. Seine Arbeit war dann in Echt ebenso überzeugend. Harrison mochte ihn auch, na wunderbar.

Und mit viel Geduld und Nerven werden seine Hufe tatsächlich besser.  An dieser Stelle vielen, vielen tausend Dank für Deine tolle Arbeit!

 

Bild: Links: Der Schmied klebte das Eisen, da nicht mehr viel zum nageln da war, nachdem er sich das Eisen abgerissen hat.

Bild rechts: So konnte innerhalb von guten 5 Wochen wieder genügend Horn nachwachsen. Der Schmied konnte daher einiges wegnehmen und sogar Grips mit einbauen. Eine deutliche Verbesserung!

 

Ist Harrison der richtige?

Jetzt begann die Zeit des Zweifels. Ja, des Zweifels. Was, wenn er doch größere Baustellen hat als ich meine? Was, wenn dies, was wenn das? Die „Kundin“ (also heute Freundin), machte glaube ich einiges mit in dieser Zeit. Ich änderte fast täglich meine Meinung. Von „ JA! Er ist es, wir schaffen das!“ hinzu: „Um Gottes Willen! Er hat mit der Wimper gezuckt!! Was, wenn das ein Gehirntumor ist!?“ (Räusper….)

Na gut, also Nägel mit Köpfen. Tierarzt bestellt, Ankaufsuntersuchung durchgeführt. Wir haben ehrlich mit ihm gesprochen das ich ihn übernehmen möchte, ich selbst Physiotherapeutin bin aber dennoch bitte große Baustellen ausgeschlossen haben möchte. Die Beugeproben ergaben hinten links eine Reaktion, also geröntgt. Minimaler Befund am Sprunggelenk. Darf er mit 17 und dieser Vorgeschichte gerne haben, damit kann ich umgehen. Ansonsten alles in Ordnung.

Ergebnis: Grünes Licht sozusagen.

Jetzt musste ich mich nur noch trauen. Ich wollte nie mehr ein eigenes Pferd. Diese Verantwortung…. Aber so spielt das Leben. Ich wollte, wenn überhaupt, ein Pferd zum Spaß haben, mit welchem ich in allen Gangarten ins Gelände kann, etwas damit arbeiten  kann und welches „cool“ ist. Das alles habe ich in Harrison gefunden. Er war SEHR schwierig zu Beginn, doch entwickelte sich im Laufe der Zeit zu meinem Herzenspferd.

Ich bin heilfroh das ich mich für ihn entschieden habe. Es fühlt sich einfach nur gut und richtig an.

 

Und Harrison hat diese Chance mehr als verdient! Er gibt sich immer Mühe es einem recht zu machen, er ist im Grunde ein so nettes Pferd, er hat einfach nur eine ungute Vergangenheit.

Seine Augen verraten mehr als tausend Worte, vor allem seine Beschwerden die er hatte.

Bild oben: Oktober 2017 („nachher“),  Bild unten: Winter 2016/2017 („vorher“)

 

Und noch ein Bild aus den Anfängen:

Bild oben: ca. Juni 2017, Bild unten: April 2017 zu Start des Projekts

Fazit: Es ist soviel möglich

Es ist SO VIEL möglich mit der richtigen Therapieform (welches nun mal ein „dran bleiben“ voraussetzt, genau wie bei uns Menschen), Training, Futter und vor allem Haltung.

Das Projekt hat mich in dem bestätigt, was ich täglich predige, wovon ich überzeugt bin. Einige Dinge musste ich überdenken, jedoch nicht die Grundlegenden genannten Eckpunkte.

Danke Harrison!

Auf noch viele schöne gemeinsame Jahre!

Bild: Vertragsunterzeichnung am 1.12.2017